Sonntag, 22. März 2020

Der lange Weg nach Hause

Ich sitze zu Hause am Fenster und schaue in den Park hinaus. Es ist sonnig und kalt und sehr ruhig - ganz anders als ich es bis vor wenigen Tagen gewohnt war. Ich habe ja nicht nur den Ort und das Klima gewechselt - ich bin in einer neuen Welt gelandet. Lautsprecherdurchsagen mit Warnungen vor dem "Draußen sein", Warteschlangen vor dem Supermarkt, besorgte Telefonate mit Freunden und das Warten auf den Ablauf der eigenen Inkubationszeit …. strange world!

Vor etwa 2 Wochen habe ich noch Pläne geschmiedet für den Besuch von lieben Freunden am 14. März in Sidi Ifni, das Zimmer reserviert, die Tidenzeiten für die Strandspaziergänge rausgeschrieben, einen Besuch bei einer Freundin auf dem Land für uns und die Freunde verabredet etc. Unsere Freunde hatten - nach den ersten Meldungen über Covid19 in Italien - ihren Abflug ab Bergamo storniert und dafür ab München gebucht. Wir hatten natürlich so eine Idee, dass da etwas im Anzug war, was wir im Auge behalten sollten. Aber die Freude auf den Besuch hat uns wahrscheinlich Scheuklappen aufgesetzt, so dass wir nicht so recht glauben wollten, dass diese Welle auch uns erreichen sollte.

Im Laufe der nächsten Tage kamen die schlechten Nachrichten in immer schnellerer Folge, so dass wir am 12. März versuchten eine Fähre nach Deutschland für Ende März zu buchen. Die noch optimistisch versprochene Buchung kam über Stunden nicht. Am Abend teilte uns die völlig erschöpfte Mitarbeiterin des Reisebüros mit, dass alle Buchungsmöglichkeiten für Fähren nach  Europa geschlossen waren. Selbst eine Buchung für den späten April war nicht möglich. Am Freitag, dem 13. waren wir uns dann mit unseren Freunden in Deutschland einig, dass es nicht sinnvoll wäre nach Marokko zu kommen. Wir buchten für uns einen Flug für den 17. März nach München, der dann in der Nacht - wie alle anderen Flüge von Marokko nach Deutschland auch - abgesagt wurde.

Unsere lange Reise nach Deutschland hatte begonnen, erst einmal im Kopf. Wir waren ja noch ganz darauf eingestellt, dass wir erst Ende April nach Hause fahren wollten. Doch in kleinen Schritten - Nachrichtensendung für Nachrichtensendung - reifte die Erkenntnis, dass wir jetzt wirklich Land gewinnen mussten. Ganz Marokko verfügt bei über 30 Millionen Einwohnern über ca. 250 Beatmungsplätze. Im Falle einer schwereren Erkrankung würden wir einerseits den Marokkanern zur Last fallen und der Weg nach Deutschland wäre versperrt. Ich meldete uns deshalb auf der Elefand-Seite des Auswärtigen Amtes an: Hallo uns gibt es hier in Marokko! Wir überlegten, ob wir mit dem Auto nach Deutschland fahren sollten, es gab Meldungen, dass man über die spanischen Enklave Ceuta noch nach Spanien kommen könnte. Doch die Nachrichten aus Spanien und Frankreich ließen uns dies wieder vergessen - mit dem Clio auf einer Strecke von 3500 km ohne Hotels, mit nur teilweise geöffneten Tankstellen und Restaurants - das würde eine gar zu anstrengende Reise werden. Die Alternative war, dass wir uns auf einen langen Aufenthalt in Marokko einrichten mussten, so dass wir für einen Großeinkauf ins gut 60 km entfernte Guelmim fuhren und unseren Lebensmittelbestand aufstockten. Wir hatten uns auch Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel besorgen können und verließen das Haus nur noch zu melancholischen Strandspaziergängen.












Zwei Tage später kam dann die erste Meldung, dass Deutschland seine Bürger nach Hause holen würde. Die dazu nötige Anmeldung beim Auswärtigen Amt gelang mir erst morgens gegen 5 Uhr, weil die Internetseite gnadenlos überlastet war.

Zu allem Unglück erhielten wir die Nachricht, dass unsere Fluggesellschaft einen Ersatzflug am Dienstag anbieten würde so spät, dass wir ihn auf keinen Fall erreichen konnten. Da haben zum ersten Mal meine Nerven geflattert.

Dann begann das Warten auf eine Nachricht. Wir nützen die Zeit und räumten das Haus auf, damit wir im Fall eines Falles gleich losfahren könnten. Am letzten Mittwoch teilte uns dann die Botschaft in einem "Landsleute-Rundbrief" mit, dass die Evakuierungsflüge bald kommen würden und wir uns innerhalb von 90 Minuten nach Aufruf am Flughafen einfinden sollten. Da es von Sidi Ifni nach Agadir gute 3 Stunden Fahrtzeit sind, buchten wir ein Hotel in Agadir und wollten am Donnerstag losfahren - schon ein wenig traurig gestimmt über diesen Abschied und auch in Sorge um die Zurückbleibenden. Am Abend kam dann die Nachricht, dass wir am Donnerstag um 16 Uhr am Flughafen sein sollten, für einen ungewissen Abflugtermin.

Die morgendliche Fahrt an der Küste entlang nach Norden stimmte mich traurig - das Meer war an diesem Tag von perfekter Schönheit. Nach ein wenig Regen in der Nacht zuvor glitzerten in den Arganbäumen die Regentropfen.



Am Flughafen in Agadir trafen wir auf eine aufgeregte Menschenmenge, die auf die Mitarbeiter der Botschaft wartete: Golfspieler, Surfer, Rollstuhlfahrer, junge Familien und wir wenigen älteren Einzelreisenden. Die Mitarbeiter der Botschaft wurde von Freiwilligen unterstützt, die teilweise von der aufregenden Situation und ihrer Wichtigkeit so erschüttert waren, dass sie eigentlich völlig nutzlos waren. Ohne Information schob sich die Menge bei jeder Regung an dem improvisierten Schalter immer enger zusammen, es war heiß und Hiobsbotschaften machten die Runde. Der Luftraum sei gesperrt hieß es.

Zum Glück trugen wir Gesichtsmasken, so dass wir einigermaßen vor den "Tröpfchen" geschützt waren. Gegen 20 Uhr hatten wir mit Hilfe einiger freundlicher junger Surfer den Schalter erreicht, an dem wir unterschreiben mussten, dass wir die Kosten des Fluges bezahlen würden. Dann durften wir zum Ticketschalter, zum Zoll, zur Polizei und dann endlich in die Wartehalle. Da fanden wir  Leidensgenossen aus England und Frankreich und natürlich viele Deutsche, die erschöpft auf das Kommende warteten. Gegen Mitternacht saßen wir dann wie die Heringe zusammengepfercht in einer TUI-Maschine. Die Mitreisenden befanden sich in einer Stimmung, die zwischen Apathie und Hysterie schwankte. Dazwischen schrien Kleinkinder und zankten sich manche unfreiwillige Nachbarn. Endlich waren wir in der Luft - in einem letzten Schwenk über Agadir sahen wir die Lichter unter uns verschwinden und tauchten ein in die schwarze Nacht über Marokko, Portugal, Spanien, Frankreich und endlich KÖLN. Ja, das war ein wenig schwer für uns zu schlucken, dass wir nicht ins heimatliche München fliegen konnten, aber irgendwann waren wir auch damit zufrieden.


Beim Aussteigen in Köln-Bonn gegen 4 Uhr morgens sahen wir die lange Reihe der stillgelegten Flugzeuge. Es gab keinerlei Gesundheitskontrolle, die Grenzpolizei ließ uns unbehelligt von irgendwelchen Fragen durch und der Zoll war gar nicht da. Hinter uns drängten schon die Evakuierten von den Kanarischen Inseln.




Wir suchten und fanden den Bahnhof, und schließlich auch einen ICE, der uns in weiteren 5 Stunden nach München brachte. Wir saßen alleine im Großraumwagen, der Zugbegleiter sprang panisch an uns vorbei, als er unsere Masken und das Flugticket sah. Später konnten wir den verängstigten Mann doch noch beruhigen, wir trennten uns friedlich.


In München war die Bahnhofshalle ruhig wie an einem Sonntagmorgen. Die Taxifahrt durch die Stadt zu unserer Wohnung verlief so zügig wie nie. Dann, endlich, unser Bett! Am späten Nachmittag bin ich noch zum Einkaufen gefahren, da wir ja nichts zu Essen und Trinken hatten. Da stand ich dann wieder vor dem Laden in einer langen Schlange. Seitdem habe ich das Haus nicht mehr verlassen. Wir wollen erst sicher sein, dass wir uns im Gedränge am Flughafen nicht infiziert haben. Schön war, dass so viele liebe Menschen unsere Heimreise in Gedanken begleitet haben und uns dann telefonisch oder per Mail begrüßten. So sind wir jetzt in der stillen Zeit - und hoffen dass wir bald, bald alle wieder froh aufeinander zugehen können, ohne Angst einander die Krankheit oder gar den Tod zu bringen. Meine besten Wünsche für uns Alle!



Freitag, 6. März 2020

Die Liebe in den Zeiten der Cholera ....

Nein, so schlimm ist es wirklich nicht. Meine Liebe zu Sidi Ifni ist ungebrochen! Die Cholera haben wir zum Glück auch nicht - aber der Coronavirus steht vor der Tür und Marokko tut alles um ihn draußen zu halten.

Es gibt keine Einreisebeschränkungen, aber an den Flug- und Fährhäfen werden die Einreisenden "gescannt". Sie müssen eine Einreisekarte ausfüllen, um im Fall eines Falles erreichbar zu sein.
Schwerwiegender sind die Entscheidungen der letzten Tage. Alle Großveranstaltungen, an denen üblicherweise Ausländer teilnehmen wurden abgesagt, z. B. die große Landwirtschaftsmesse in Meknes und das Mandelfest in Tafraoute. Die von Europäern so geliebten Rallyes können im März nicht stattfinden.



Auch die großen Sportveranstaltungen werden eingeschränkt, es gilt eine Grenze von 1000 Teilnehmern.  Weiterhin erlaubt sind religöse Feste und Wallfahrten. Für die Schulen wurde angeordnet, dass überall Flüssigseife zur Verfügung stehen soll.



















Anlass für diese schnelle Abfolge von Ankündigungen waren die ersten beiden Covid19-Kranken, die beide aus Italien eingereist sind. Mehr als 100 Personen befinden sich in Quarantäne.





Sidi Ifni ist zur Zeit noch ganz unberührt von diesen Sorgen, die Apotheken sind gut gefüllt, wir haben sogar noch Handdesinfektionsmittel und Papiermasken bekommen - die wir uns eher als Vorsichtsmaßnahme für unsere Heimreise besorgt haben.

















Das Krankenhaus ist frisch gestrichen, was soll da noch schief gehen!






Von Hamsterkäufen ist nichts zu bemerken - die vielen kleinen Lebensmittelläden quellen immer noch über von Vorräten aller Art.












Um dieses ernste Thema ein wenig aufzulockern mache ich es jetzt so wie es im Internet so beliebt ist: ich zeige Euch zum Schluß ein Katzenfoto.

















Allen Lesern und Freunden wünsche ich gute Gesundheit und fröhliche Tage!

Dienstag, 11. Februar 2020

Hurra, hurra, die Post ist da

Während der Zeit des spanischen Protektorats in Sidi Ifni baute man auch ein Postamt - im damals hochmodernen "Art deco Stil". Daher hat das Postamt u.a. so hübsche runde Fenster. Man investierte in die kleine Stadt, die ab 1934 der Sitz des Generalgouvereneurs von Spanisch-Sahara war.
Am Eingang findet man noch eine Steinplatte, die Öffnungen für den Posteinwurf für Luftpost oder "Normal", für Briefe (cartas) oder Drucksachen (impresos) hat.
Davor parkt eigentlich fast immer das Moped des Briefträgers in den Postfarben Blau und Gelb.














Es gibt übrigens eine sehr aktive Gruppe von Briefmarkensammlern, die sich auf Postwertzeichen aus der spanischen Zeit spezialisiert haben. Spanien druckte damals viel mehr Briefmarken als für den Postdienst gebraucht wurden - schließlich wollte man ein wenig Geld verdienen. Sammler gab es ja auch damals schon.


Auch der alte Briefkasten vor dem Postamt ist in diesen schönen Farben gestrichen - wir Deutsche haben da kein Problem, schließlich ist das auch in unserem Land Gelb die Farbe der Post.

Soweit ist das alles ganz wunderbar - aber eine Post ist nur so gut wie ihre Mitarbeiter. Ich habe leider bisher fast nie die Post bekommen, die an mich adressiert war. Im letzten Jahr habe ich nach mehreren vermissten Sendungen einen Testbrief aus Deutschland an meine Adresse in Sidi Ifni geschickt, mit Adresse und Postleitzahl . Oh Wunder - sie kam an. Das wars dann wieder.

Eine liebe Freundin hat mir nun - mutig und nicht so leicht zu erschüttern - Mitte Dezember 2019 einen Weihnachtsgruß geschickt. Als ich im Januar nach Deutschland kam mußte ich ihr leider sagen, dass das wieder nicht geklappt hat. Wir waren ein wenig betrübt.



                                                                                           
                                                                            Mein Briefkasten ist gut erreichbar und der Name ist leicht zu finden. Eigentlich haben wir alles richtig gemacht. Nein - nicht alles! Wir waren einfach nicht geduldig genug. In der ersten Februar-Woche machte es Plopp an unserer Tür. Der Briefkastendeckel klapperte und - was für eine Freude - die Weihnachtspost war doch noch angekommen. Wir haben also wieder etwas gelernt. Man muss nur lange genug warten - dann wird alles gut!



PS Man hat mir gesagt - ich solle ein Postfach mieten. Nicht ganz billig, aber eine Überlegung wert. 

Sonntag, 19. Januar 2020

Gräber in der Wüste

In meinen aktiven  Wohnmobil-Jahren war "Ma Fatma" für uns ein Wort, das unsere Augen leuchten ließ. Über der Klippe, die das Oued (Flußtal) südlich abschließt, haben wir fast jeden Winter ein oder zwei Wochen verbracht. Kein Strom, kein Wasser, kein Geschäft ... nur einige andere Wohnmobile und die einheimischen Fischer, die abenteuerlich über der Klippe kauernd ihr Glück versuchten. Und eine grandiose Küste mit einer manchmal atemberaubenden Brandung!

Mit einer Freundin bin ich stundenlang ins Oued hinein gewandert - jedesmal mußte man den Weg neu suchen, denn dieses Flußbett wurde ständig von Wind und Wasser umgestaltet. Nun wird entlang der Westsahara eine Autobahn gebaut. auch diese schmale Brücke wird einer modernen Konstruktion weichen, die Maschinen stehen schon bereit.


dies ist ein besonders altes Grab, wie man es in der Wüste hier öfter finden kann

Um noch einmal die unverfälschte wilde Schönheit dieses Tals zu sehen sind wir von unserem bequemen Haus in Sidi Ifni gut 270 km nach Süden gefahren.           

Gerade noch in Sichtweite der Brücke liegt eine Ansammlung von Gräbern, die sich um das Grab einer Frau scharen, Ma Fatma oder Ouma Fatma, soll eine wohltätige Frau gewesen sein, die vorbeiziehende Reisende beherbergte. Auf einer Tafel - die erst seit kurzen hier zu finden ist - wird ihr Sterbedatum mit 1887 angegeben. Mehr konnte ich bisher über diese "Heilige" nicht herausfinden.


Im Süden Marokkos gibt es eine ganze Reihe solcher Orte, denen der Volksglaube besondere Kräfte zurechnet. Deshalb gibt es Wallfahrten zu diesen Grabstätten und die Bäume auf den Gräbern werden mit Wunschbändern behängt. 


Im Freien zu beten ist im Islam natürlich auch möglich, als Ersatz für eine Moschee gibt es jedoch bei Wallfahrtsorten fast immer diese ummauerten Plätze.










Ein wenig schauerlich ist dann ein Stück daneben der Platz, an dem die Opfertiere geschlachtet werden. An der Spitze dieses Pfahls hängt noch die in der Sonne gedörrte Haut eines Schafes.
Ich würde - wenn es denn auch bei mir helfen würde - darum beten, dass dieser Ort noch lange unversehrt erhalten bleibt und dass ich vielleicht noch einmal wiederkommen kann.




Dienstag, 14. Januar 2020

Wellen

Nördlich von Sidi Ifni liegt der mittlerweile berühmte und gerne besuchte Strand von Legzira - der Name bedeutet einfach: der Felsen. Dieser Felsen ist über die Jahre von der Gewalt des Meeres kräftig gestutzt worden, man sieht bei Flut nur noch ein "Felslein". Ich bin dort wieder einmal spazieren gegangen - es war ein Sonntag und obendrein noch Ferienzeit, also waren mehr Touristen am Strand als sonst im Winter. Auch diese lustigen Kamelritte kann man beobachten.


Weil ich gerade im Blog von Salamandra gelesen habe, dass bei Cascais in Portugal Fischer von einem vermeintlich sicheren Platz ins Meer gespült wurden, möchte ich von einer kleinen Begebenheit erzählen. Während ich am Strand entlang ging sah ich eine junge Familie - sehr weißhäutig, sehr blond, sehr fröhlich. Die beiden kleinen Kinder - vielleicht 3 oder 4 Jahre alt - liefen unter den liebevollen Blicken der Eltern weit in die zurückweichende Brandung hinein, immer dem weißen Schaum nach. Zwischen Eltern und Kinder lagen mindestens 20 Meter. Mir wurde ganz kalt ums Herz. Ich ging schnell zur Mutter und forderte sie auf, die Kinder gleich zurückzurufen. Ich erklärte ihr auch, warum sie dies tun sollte. Sie rief dann - lieb wie Mütter dies heute tun: "komm bitte!" So nach dem dritten oder vierten "Bitte, komm her" kamen die süßen kleinen Blondschöpfe auch angetappst. Ja - und wie nicht bestellt und doch gekommen: die nächste Welle war deutlich schneller, deutlich höher, deutlich stärker als die Wellen davor. Einige erwachsene Spaziergänger standen plötzlich da wo vorher die Kinder waren,  höher als bis zur Hüfte in den schäumenden Wellen. Die Kleinen hätten gegen die Strömung keine Chance gehabt.
Da geht man mit klopfendem Herzen weiter und denkt: Gut gegangen!


Der Atlantik ist selbst an ruhigen Tagen potentiell gefährlich. Mehrmals am Tag kommen deutlich höhere Wellen - da braucht es gar nicht die berühmten Monsterwellen, die auf dem Atlantik immer wieder auftreten.
Ich bin bei einem Strandspaziergang einmal von einer hohen Welle überrascht worden. Obwohl ich lief wie ein Hase vor dem Jäger erwischte mich die Welle und kippte mir ein Pfund Sand in die Socken.
Mein Fazit: Ich liebe meine Strandspaziergänge, vergesse aber nie dass die Natur Überraschungen parat hat.

Sonntag, 12. Januar 2020

Akhfenir - ein Leben am Rande der Zivilisation


Nach einer Reihe ruhiger Tage in Sidi Ifni kribbelte es uns in den Beinen - nach kurzem Überlegen kam uns die Idee, einmal wieder nach Süden zu fahren. In den Jahren, in denen wir Marokko mit dem Wohnmobil bereist haben, sind wir oft im nördlichen Teil der Westsahara gewesen. Da wir nun kein rollendes Hotel mehr zur Verfügung hatten, mussten wir uns einen Standort für unsere Exkursion aussuchen. Das ist nicht leicht - die Zahl der passablen Hotels ist gering. Noch bescheidener sind die Möglichkeiten sich einigermaßen akzeptabel zu ernähren - wenn man sich nicht in den Grillbuden verköstigen will, die hauptsächlich für die Fernfahrer auf der Westafrikaroute am Straßenrand werkeln.

In dem kleinen Ort Akhfenir (gesprochen Achfenir) - 300 km Straßenkilometer von Sidi Ifni entfernt - gibt es ein kleines Hotel, das von einem Franzosen geführt wird, der obendrein noch Koch ist. Also haben wir uns dort angemeldet und uns auf den Weg gemacht.

Die Straße - auf der der ganze Verkehr von Marokko bis hinunter zum Senegal und noch weiter abgewickelt wird - ist schmal und immer wieder von Sandverwehungen eingeengt.




Seit einigen Jahren wird parallel dazu ab Tiznit eine Autobahn gebaut, die bis hinunter nach Dakhla führen soll - das sind gut 1050 km. Nun fahren nicht nur die vielen Lkws, immer wieder auch Militärfahrzeuge, die Teilnehmer von Rallyes sondern auch viele Baufahrzeuge auf der schmalen Straße. Darum kommt es immer wieder zu Unfällen.


Akhfenir ist eine Ort Straßendorf, zwischen Küste und Straße wild gewachsen - viele Häuser verfallen, während andere gerade neu errichtet werden.

Ortsdurchfahrt von Akhfenir 2010

Ortsdurchfahrt von Akhfenir 2020
Es ist in den gut 15 Jahren, die ich es kenne, ein wenig gewachsen, jetzt werden gerade überall gleichzeitig die Bürgersteige gepflastert und die Seitenstraßen geteert. Die Hauptstraße besteht fast vollständig aus Imbißbuden - was aus denen werden soll, wenn die Autobahn am Ort vorbeiführt - ist mir ein Rätsel. Aber die Marokkaner sind ja erfinderisch und werden schon eine Lösung finden.























Irgendwelche anderen wirtschaftlichen Aktivitäten sind kaum zu sehen - die vom "amerikanischen Volk" gesponserte Anlage für die Anlandung der Fischerboote scheint nicht in Betrieb zu sein.
hier gibt es Hühner und Eier








Im Hotel haben wir einen Franzosen kennengelernt, der eine Pilotanlage zur Nutzung von Mikroalgen betreibt. Zukunftsmusik .......





Akhfenir ist jedoch beliebt bei Ornithologen und Fischern, denn das Naturschutzgebiet um die Lagune Khnifiss liegt nahe und die Küste ist ein Eldorado für Angler. Über diese Attraktionen werde ich demnächst berichten!

Die Steilküste von Akhfenir









Freitag, 13. Dezember 2019

Alles muss raus!

 Das Klima in Sidi Ifni wird von zwei Gegensätzen geformt: den Winden aus der knochentrockenen Sahara und den Nebelschwaden, die durch den Kontrast zwischen dem kalten Atlantikwasser und dem warmen Festland entstehen.

Im Winter ist dieser Kontrast nicht so stark, so dass wir um die Mittagszeit meist diesen strahlend blauen Himmel haben haben. Aber schon gegen drei oder vier Uhr kriechen die Wolken über die Küste heran.

 Diese beständige Feuchtigkeit lässt den Rost blühen und die Farbe von den Häuserfronten blättern. Auch in den Häusern muss man durch beständiges Lüften dafür sorgen, dass nicht alles klamm und feucht ist.
Wir haben deshalb in unserem Haus einen Bautrockner installiert, der mehrere Stunden am Tag läuft und so die Luftfeuchtigkeit unter 80 % hält. So überstehen meine Federbetten und meine Bücher dieses Klima. Für mich - die ich in der deutschen Winterluft mit dem Husten nicht aufhören kann - ist das hiesige Wetter wie eine Kur!

Im Durchschnitt fallen in Sidi Ifni 133 mm Niederschlag im Jahr, das meiste davon im Dezember. So auch in diesem Jahr. Drei Tage hingen dicke Regenwolken über die Stadt und alle freuten sich. 


Als der Regen sich verzogen hatte begann das große Trocknen - alle Teppiche, Matratzen und Kissen mussten raus an die Sonne!



Auch hier in meiner Nachbarschaft nützt man die Straße als Trockenplatz. So kann ich sehen, welche Geschmack meine Nachbarn so haben ....

Samstag, 7. Dezember 2019

Last Exit Tanger




Seit nunmehr bald 20 Jahren verbringe ich einen guten Teil des Jahres in Marokko, wie so einige Europäer, die in diesem Land aus ganz verschiedenen Gründen eine Zuflucht finden. Bei mir ist es der kalte Winter und auch das hektische Leben in Deutschland, vor dem ich mich immer eine Weile in Sicherheit bringe.Uns Teilzeit-Expats gemein ist, dass wir über die Jahre erlebt haben, dass Freunde hier gestorben sind. So fängt man an darüber nachzudenken - so wie man als Europäer alles ein wenig regeln und planen will - wo man im Fall eines Falles begraben sein möchte.
Die marokkanischen Friedhöfe sind uns - so wir nicht Muslime sind - verschlossen. Es gibt jedoch eine kleine Zahl von Friedhöfen, die extra für "Christen" angelegt wurden, so z.B. in Essaouira und  - wesentlich neuer und größer - in Agadir. Dieser Friedhof in Agadir könnte einmal meine letzte Adresse werden, falls ich in Marokko sterben sollte.

Ein Bekannter, der viele Jahre in Tanger gelebt hat, hat sich dort schon ein Grab gesichert. Den Friedhof dort kenne ich schon lange, denn er liegt mitten im dicksten Getümmel der Stadt, oberhalb des Marktes am Grand Socco.

Quelle Wikipedia
Er verbirgt sich  hinter einer hohen Mauer auf dem Gelände der anglikanischen Kirche St.Andrews, die zur Diözese Gibraltar gehört.Großbritannien hatte zu Beginn des 20.Jahrhunderts zusammen mit Frankreich und Spanien den größten Einfluss auf die Stadt Tanger, so dass eine kleine Gruppe von englischsprachigen Kaufleuten und Abenteurern in der Stadt lebte und starb. Schon 1880 wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen, die bald wegen der wachsenden Zahl der Gläubigen durch eine größere ersetzt wurde. 1905 schließlich wurde St.Andrews geweiht.

Vor einigen Jahren kam ich zufällig dazu, als dort der Ostergottesdienst gefeiert wurde - größtenteils von Schwarzafrikanern. Nach dem Gottesdienst, der mit  lieblichen  Gesängen gestaltet wurde, servierten die Damen auf dem Vorplatz ein Büffet mit bunten Kuchen.


Auch den freundlichen Priester der Gemeinde lernten wir kennen, er hatte den größten Teil seines Berufslebens bei der englischen Marine gedient und war nun froh, festen Boden unter den Füßen zu haben.

Credit: Michael Ivy


Auf dem Friedhof findet man eine Reihe illustrer Namen, darunter Walter Harris (1866-1939), Schriftsteller und  Korrespondent der Times, der u.a. mit El Raisuli, dem rebellischen Pascha von Asilah befreundet war. (links)



















Während des zweiten Weltkrieges wurde gefallene Soldaten aus England, den USA und Südafrika hier bestattet. Ihre Gräber werden von Gibraltar aus gepflegt und am Remembrance Day geschmückt.

Auch heute noch finden hier Bestattungen statt. Der Friedhof und die Kirche werden von einem marokkanischen Wärter beschützt und gepflegt.

Dieser Ort des Gebetes und der Erinnerung liegt inmitten des quirligsten Treibens der Stadt, nahe am Eingang zur Medina. Auch hier lernte ich, dass Marokko und seine Bürger Toleranz gegenüber seinen Gästen und deren Religion üben. Es ist also nicht so verwegen, auf eine friedliche letzte Adresse zu hoffen.